Bericht zu 125 Jahre ÖTB Tv. "Jahn"-Währing-Wien (1885)
Diskussionsveranstaltung "Wohin geht der Österreichische Turnerbund ?"
Am 19. März 2010 fand diese Diskussionsveranstaltung im Festsaal des Hauses des Wiener Akademischen Turnvereins statt.
Nach der Begrüßung durch den Hausherrn AH-Obmann des WATV Mag. Erich Danneberg, hieß der Obmann des ÖTB Tv. „Jahn“-Währing-Wien (1885) Andreas Springsholz die zahlreichen Gäste und Vereinsabordnungen willkommen und übergab an den Gesprächsleiter Tbr. O. Univ.Prof. Dr. Werner Pfannhauser.
Die den Diskussionsteilnehmer gestellten Fragen waren:
Warum gibt es den ÖTB ?
Ein weiterer oder ein anderer Sportverein ?
Was ist das Unverwechselbare am ÖTB
Beschwert uns die Tradition ?
Was bleibt von Jahn ?
Die Identität des Österreichischen Turnerbundes
Wege zum Ziel
Gründe dafür sind zu beobachtende Orientierungsmängel und eine von vielen wahrgenommene Identitätskrise der Turnbewegung.
Diesen gestellten Fragen widmeten sich in 5-minütigen Kurzreferaten:
Bundesdietwart Tbr. Dr. Wolfgang Viernstein
ÖTB Wien Obmann Tbr. Ing. Helmut Fuchs
Tbr. Werner Schultes ÖTB Tv Liesing
ÖTB Wien Dietwart Tbr. Mag. Dietmar Kowarik
WATV Tbr. DI Roland Kautz
TV-JW Diewart Tbr. O. Univ.Prof. Dr. Werner Pfannhauser
Bundesdietwart Dr. Viernstein hob hervor, daß die Turnidee seit 200 Jahren trotz vieler zeitbedingter Tiefs lebendig ist und sich als überlebensfähig erwiesen hat.
Turnen ist mehr als ein Beitrag zur „Stoffwechselbeschleunigung“, es gelte das soziale Wesen des Turnvereins hervorzuheben und vor allem es vorzuleben.
ÖTB Wien Obmann Ing. Fuchs zeigte auf, daß Jahn zwar der anerkannte Angelpunkt unserer Tätigkeit sei, jedoch beschäftigen sich viel zu wenige Turnerinnen und Turner damit.
Volkstum, Brauchtum, Muttersprache müssen mehr in den Vordergrund rücken.
In der „Spaßgesellschaft“ und dem Wohlstand ortete Tbr. Fuchs zersetzende Tendenzen. „Wohlstand ist der Feind des Idealismus“ schloß er.
Tbr. Werner Schultes befaßte sich mit der Frage: Warum bin ich Turner ?
Er hob das Gefühl, das bei Lagern, Turnfesten und Feiern vermittelt wird als gemeinschaftsstiftend hervor.
Zwang soll durch Überzeugung und Selbstverantwortung ersetzt werden.
Ehrenamtlichkeit und bezahlte Vorturner müssen kein Widerspruch sein.
Geschichtswissen sei zwar wichtig aber nicht vorrangig. Es gehe darum sanft zu erneuern und die der Turnbewegung innewohnenden Werte gefühlsmäßig zu vermitteln.
Tbr. Dipl. Ing Roland Kautz (WATV) Beschwert und Tradition? Diese Frage beantwortete Tbr. Kautz mit JA – aber ob das gut oder schlecht liegt an uns. Es geht darum die Inhalte der Turnidee zu erkennen.
Turnen wurde groß, weil es für Demokratie und Meinungsfreiheit eintrat. Es besteht wenig Zweifel, daß diese auch heute bedroht sind.
Es geht vor allem darum das Unverwechselbare am Turnen, seine Corporate Identity nach innen und außen sichtbar und fühlbar zu machen. Verbesserungsbedarf besteht dabei.
Mag. Dietmar Kowarik, ÖTB Wien Dietwart, stellt in den Mittelpunkt seines Referates den zeitgemäßen Zugang.
Wesentlich sei das Lebensgefühl, das Turnen vermittelt. „Das Mehr“, das Turnen ist wird am Besten über dieses, vorerst nicht erkennbare „Irgendwas“, das Turnen unterscheidet erfühlbar gemacht. Abgrenzungen schaden dabei nur.
Der Turnverein muß offen sein für alle, nur dann kann er ins Volk wirken.
O. Univ.Prof. Dr. Werner Pfannhauser, Dietwart des jubilierenden Turnvereins, bezeichnete als das Unverwechselbare am Turnen sein Ziel die Freiheit des Volkes – damals wie heute – zu erreichen.
Die Einheit von Körper und Geist ist ein Kennzeichen der Turnbewegung, das in der Vielseitigkeit der Wettkämpfe, Wimpel- und Gruppenwettstreit, Vereinswetturnen und Redebewerben zum Ausdruck kommt.
Sport mit den Auswüchsen Doping, Ichsucht und Geldgier ist der Gegensatz zu dieser Turnidee.
Sich der „Spaßgesellschaft“ auszuliefern ist ein Irrweg. Seien wir stolz anders zu sein.
In der folgenden Diskussion im vollbesetzten Festsaal ging es vor allem um Inhalt und Struktur der Turnbewegung.
Unterstützt wurde die Meinung, die Inhalte des Turnens können „erfühlt“ werden.
Eine strikte Abgrenzung sei nicht der Weg, wohl aber eine Besinnung auf innere Werte.
Vielseitigkeit und die „Warenmarke“ Turnen machen einen Teil der Identität aus.
Gedankenfreiheit als einer der Inhalte der Turnbewegung von ihrer Gründung an sei heute ebenso bedroht wie damals, darauf gelte es hinzuweisen.
Volkstum wird als solcher Grundwert angesehen und dieser darf nicht kleingeredet werden.
Geschichtskenntnis sei nicht vorrangig nötig, werde aber nach und nach erfahren.
Der Turnverein kann mit einer Zwiebel verglichen werden. Der innere Kern muß wissen „wo es lang geht“, den äußeren Schalen soll das Gefühl „Turnen ist mehr“ vermittelt werden.
Der Bundesobmann übergab Obmann Tbr. Andreas Springsholz das Fahnenband des ÖTB für 125 Jahre Treue zur Turnbewegung.
Zum Abschluß faßte Werner Pfannhauser die Veranstaltung zusammen.
Turnen ist mehr. Der „Mehrwert“ muß auch unaufdringlich aber nachhaltig vermittelt werden.
Die große Tradition der Turnbewegung ist nicht Faulbett sondern Sprungbrett.
Vielseitigkeit, Gemeinschaftssinn, Geschichtsbewußtsein sind die Basis für eine Erneuerung, die offen und ehrlich diskutiert werden muß.
Er schloß mit einem Zitat aus „Die Stadt in der Wüste“ von Antoine de St. Exupery :“
„Willst du sie zu Freunden machen, zwinge sie einen Turm zu bauen. Willst du sie zu Feinden mach, wirf ihnen Korn vor“.
Am Ende der Festveranstaltung dankte Obmann Tbr. Andreas Springsholz allen Rednern und den Vereinsvertretern sowie dem gastgebenden WATV.
Von dieser Veranstaltung wurde ein Videofilm gedreht.
Die CD/DVD, angereichert mit Darstellungen des Vereinslebens ist ab Juni gegen eine Spende erhältlich bei Obmann Tbr. Andreas Springsholz 1160 Wien, Arnethgasse 80,
obmann@turnverein-jahn-waehring.org
Nachlese unserer Gedenkveranstaltung "200 Jahre Schlacht bei Aspern"
der ÖTB Turnvereine „Jahn“-Währing – Wien (1885) und Kaiser – Ebersdorf 1907
Die beiden Turnvereine des ÖTB Wien hatten die Idee, aus Anlass der 200. Wiederkehr der Schlacht von Aspern am 21. und 22. Mai 1809 eine Feierstunde abzuhalten.
Am 5. Juni versammelten sich etwa 30 Turnerinnen und Turner am Siegesplatz in Aspern.
Mit einer Kranzniederlegung am Denkmal „Löwe von Aspern“ vor der Pfarrkirche Aspern wurde des Ereignisses gedacht.
Die Bedeutung dieser ersten Niederlage Napoleons gegen Erzherzog Karl lag in der Ermunterung der Freiheitsbewegungen in Tirol (Andreas Hofer) und Preussen (Jahn, Lützow, Schill).
Am Denkmal hielt Dr. Wolfgang Steffanides (Dietwart Tv. Kaiserebersdorf) eine kurze Ansprache.
Anschließend legten die beiden Obmänner der veranstaltenden Vereine Dipl. Ing. Hartmut Kautz und Andreas Springsholz „In ehrendem Gedenken“ einen Kranz nieder.
Eine Führung durch das Museum Aspern 1809 im nahen Beinhaus der Kirche durch den Museumsleiter mit zahlreichen Fundstücken, Bildern und Informationen ließ die Zeit der Befreiungskriege plastisch auferstehen.
Eine kurze Autobusfahrt führte uns zum zweiten Museum im damals heiß umkämpften heute 300 Jahre alten Schüttkasten von Eßling mit einem prächtigen Schlachtendiorama.
Zurück ging es mit dem Bus zum Gasthaus Lahodny in Aspern.
Im Saal des Gasthauses wurden drei kurze Vorträge mit Bildunterstützung und Film gezeigt.
Mag. Eva-Maria Kautz gab eine kulturgeschichtliche Betrachtung mit überaus seltenen Bildern über die Denkmäler von A. D. Fernkorn, zu denen das Reiterstandbild Erzherzog Karl am Wiener Heldenplatz und eben der „Löwe von Aspern“ zählen.
O.Univ. Prof. Dr. Werner Pfannhauser stellte die Schlacht von Aspern 1809 in Beziehung zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon und skizzierte den Ablauf der Schlacht, die erstmals Napoleon eine Niederlage eintrug, die in Europa als Zeichen verstanden wurde.
Tbr. Udo Rudolf Wunsch stellt abschließend den Ablauf der Schlacht im Bild dar und beleuchtete die wechselvolle Geschichte dieser Zeit mit den Veränderungen der politischen Landkarte Europas.
Ein gemütliches Beisammensein beendete die Veranstaltung.
Nach dem Wunsch der Teilnehmer sollten derartig geschichtlich und kulturell interessante Dietveranstaltungen öfters stattfinden.
Werner Pfannhauser